Leopoldina

Dieser Post erschien ursprünglich in meinem alten Blog: http://wp.me/p2MNiR-a

Was mich am Meisten im Zusammenhang mit der von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina veröffentlichten Studie zur Bioenergie in Deutschland ärgert, ist nicht etwa die Tatsache, dass die Studie viele positive Aspekte der Bioenergie völlig außer Acht lässt und auch ansonsten keine bahnbrechenden Erkenntnisse zu Tage bringt, sondern, dass viele der großen Medienmagazine die von der Leopoldina veröffentlichte Beschreibung ihrer Studie offenbar ungeprüft übernommen haben.

Die Leopoldina gab in Ihrer Pressemitteilung an, sie lege eine „kritische Stellungnahme“ zur Nutzung von Bioenergie vor. Diese Ankündigung suggeriert natürlich, dass Bioenergie in ebendieser Studie auf Grundlage intensiver Erforschung und Nachforschung tendenziell eher negativ bewertet wird und man Bioenergie somit generell auch erst einmal mit Skepsis gegenüber treten sollte. Und genau diese Stimmung findet sich auch in der Presse wieder.

Spiegel Online beispielsweise titelte: „Forscher erteilen Bioenergie klare Absage“.

Süddeutsche: „Schluss mit Biogas und Holzpellets“ und schreibt „[…]sollte der weitere Ausbau der Bioenergie gestoppt werden, empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Die Deutschen müssen sich nun entscheiden, was ihnen wichtiger ist: Essen oder Energie“.

Die Zeit: „Stoppt den Bio-Wahnsinn“.

FAZ: Bereits am 25. Juli „Nationalakademie warnt vor Biokraftstoff“ und am 27. Juli „Bioenergie – Wenn Träume Platzen“. Am 27. Juli titelt sie dann: „Wissenschaftler warnen vor Biosprit und Biogas“

Die Welt: „Wissenschaftler gegen Ausbau der Bioenergie“.

Das Problem bei solchen Schlagzeilen, wie sie insbesondere Spiegel Online, die Süddeutsche, Die Zeit und die FAZ gemacht haben ist doch, dass gerade diese den Menschen in Erinnerung bleiben werden. Beim morgendlichen Kaffee wird schnell noch die Meldung überflogen, Bioenergie sei böse, dazu im Büro ein schneller Blick auf SPON – hier wird der Bioenergie von Wissenschaftlern offenbar „eine klare Absage“ erteilt – na dann kann an dieser Neuigkeit ja gar nicht so viel falsch sein. So werden Vorurteile bestätigt.

Ebenfalls problematisch in diesem Zusammenhang ist oft, so wie auch in diesem Fall, dass die Kritik an solchen Studien nicht mehr so prominent platziert und daher auch weniger stark wahrgenommen wird. Klar, es sind eben auch andere Dinge wichtig.

Zugegeben, es mag auf den ersten Blick falsch erscheinen, dass bei uns Getreide in den Tank kommt, wo doch in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ebendieses so dringend als Nahrungsmittel benötigt wird. Das löst ein ungutes Gefühl in uns aus, das ist nachvollziehbar. Dennoch sollten immer die Fakten im Auge behalten werden. Und die sprechen nicht von einer Teller-Tank-Problematik, sondern von einer Trog-Tank-Problematik.

  • Verwendung von Getreide in der EU, 2010 (Grafik): Über 60% als Tierfutter, 24% Nahrung, 3,3% Biokraftstoffe
  • Verwendung von Getreide weltweit, 2010 (Grafik): 33,9% als Tierfutter, 46,9% Nahrung, 6,4% Bioethanol

Diejenigen die also mit der Hungerproblematik im Hinterkopf gegen die energetische Verwertung von Getreide anschreien, sollten zunächst einmal viel eher unseren Fleischkonsum hinterfragen. Als Gesellschaft und auch als Individuum müssten wir beim Verzicht auf Fleisch bzw. der Einschränkung unseres Fleischkonsums viel geringere Abstriche machen, als bei der Reduzierung unseres Energieverbrauchs. Die Frage lautet also nicht wie die Süddeutsche sie stellte „Essen oder Energie?“ sondern wenn überhaupt: „Fleisch oder Energie?“. Wobei sich diese Entscheidung in den Industrieländern vermutlich gar nicht stellen wird. Viel eher wird eben billiges Land in Afrika aufgekauft, um die Mägen unserer Schweine und Rinder zu füllen. Wenn wir ehrlich sind, müsste die richtige Frage eigentlich lauten: „Fleisch und Energie für uns oder Grundnahrungsmittel für die Dritte Welt?“.

Flächenstilllegung
Nicht zu wenig, nein zu viel Nahrungsmittel gibt es! Das führte 1980 sogar soweit, dass mit der Flächenstillegung in der EU ein politisches Instrument bemüht werden musste, um eine Überproduktion an Agrargütern zu begrenzen. Betroffene Landwirte mussten einen bestimmten Anteil ihrer Flächen stilllegen, erhielten aber im Gegenzug Subventionen dafür. Aufgrund eines Anstiegs der Nachfrage nach Agrargütern wurde die obligatorische Flächenstillegung 2008 ausgesetzt und 2009 abgeschafft. Seitdem sind Landwirte nicht mehr verpflichtet, einen bestimmten Anteil ihrer Flächen von der Produktion auszunehmen, können es aber immer noch tun, um weiterhin Zahlungen zu erhalten.

Auf solchen stillgelegten Flächen ist es erlaubt, Pflanzen zur Energieerzeugung anzubauen, ohne an Subventionen einzubüßen, denn diese erhöhen nicht das Angebot an Nahrungsmitteln. So klingt auch die Einschätzung der Leopoldina fragwürdig, die Ausweitung der Flächen für den Anbau von Energiepflanzen „dürfte im Widerspruch […] zum Schutz von Biodiversität und Natur auf nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen stehen“ (Kurzfassung, S. 8).

„Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen“ (Kurzfassung auf Deutsch und auf Englisch)

“Bioenergy – Chances and Limits“ (Englische Originalstellungnahme)

„Bioenergie: Möglichkeiten und Grenzen“ (Empfehlungen auf Deutsch)

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