Baseline Time Accounting: Neue Methode zur Bestimmung von iLUC-Effekten

Die Forscher Jesper Hedal Kløverpris und Steffen Mueller haben einen neuen Vorschlag gemacht, sogenannte iLUCEffekte (indirect land use changes) zu bestimmen. In ihrer im „The International Journal of Life Cycle Assessment“ veröffentlichten Studie kritisieren die Wissenschaftler den bisherigen Ansatz, die bei der Umwidmung von Land auf einen Schlag anfallenden Treibhausgasemissionen auf die Menge an Biomasse zu beziehen, die vermutlich in einem standardisierten Zeitraum produziert werden wird. Sie bezeichnen den Standard-Zeitrahmen von 30 Jahren als willkürlich festgelegt und verzerrend für das Ergebnis der Ökobilanz.

iLUC-Effekte
Wird eine Fläche, die vorher dem Nahrungs- oder Futtermittelanbau diente, nun zum Anbau von Energiepflanzen verwendet, so nimmt der Bedarf an den nun nicht mehr produzierten Nahrungs- bzw. Futtermitteln nicht zwingend ab. Es kann sein, dass in der Folge die Produktion auf bestehenden Flächen intensiviert wird oder, dass neue Flächen erschlossen werden, auf denen vorher gar keine Nutzung statt fand. Es ist zunächst nicht auszuschließen, dass die neu in Beschlag genommenen Flächen auch Gebiete mit hohem Kohlenstoffvorrat sein können wie zum Beispiel Moore oder Wälder. Dadurch kann es zum Ausstoß von Treibhausgasen kommen, der zwar nicht direkt aus dem Anbau der Energiepflanzen resultiert, dennoch indirekt auf sie zurückgeht.
Diese Emission von Treibhausgasen bezeichnet man als iLUC-Effekt.

Bisherige Quantifizierungsmethode
Um diese Emissionen, die oft auf einen Schlag frei werden, bei der Umwidmung von unerschlossenem Land zu Ackerland vernünftig in die Ökobilanz eines biogenen Energieträgers miteinzurechnen, muss man sie auf eine Einheit des Energieträgers beziehen. Dazu muss natürlich zunächst einmal bekannt sein, wie viel Biomasse jemals auf dieser Fläche produziert werden wird. Hierzu hat sich ein Standard-Zeitrahmen von 30 Jahren etabliert. Auf diese Menge an Biomasse bezieht man nun die Emissionen, welche zu Beginn durch die Umwidmung entstanden sind. Dadurch ergibt sich eine durchschnittliche Menge an Emissionen pro Jahr, weswegen diese Methode von Kløverpris und Mueller als „annualization method“ bezeichnet wird.

Der Zeitrahmen, über den die Betrachtung statt findet, ist also sehr wichtig für die Höhe der jährlichen Emissionen. Allerdings ist er theoretisch ziemlich frei wählbar – würde man z. B. 60 Jahre annehmen, so halbierten sich die jährlichen Emissionen. Genau dies kritisieren die beiden Forscher in ihrer Studie.

Was, wenn der Anbau der Energiepflanzen niemals statt gefunden hätte? Bestünde dann die durch indirekte Landnutzung umgewidmete Fläche immer noch in ihrer ursprünglichen Verfassung, oder wäre sie etwa trotzdem anderweitig verwendet worden? Aktuell nimmt man, an sie bliebe unberührt. Auch dies ist ein Punkt, der von den Verfassern der Studie kritisiert wird, denn eine solche Annahme lässt den konstanten Wandel der Landnutzung völlig außer Acht.

Die neue Methode „Baseline Time Accounting“
Kløverpris und Mueller nennen eben angesprochenen konstanten Wandel der Landnutzung, der auch ohne Anbau von Energiepflanzen statt findet die „land use baseline“ oder schlicht „baseline“. In diesem Zusammenhang werden in der Studie zwei Arten von iLUC-Effekten unterschieden: „accelerated expansion“ und „delayed reversion“.

Beinhaltet die Baseline eine konstante Ausbreitung einer bestimmten Art der Landnutzung, dann wären die Flächen sowieso irgendwann unter Nutzung genommen worden d. h. auch hier wären Treibhausgasemissionen entstanden, der Anbau von Energiepflanzen hat die Sache nur beschleunigt. Dieser Effekt der lediglich früheren Beschlagnahmung von Land wird von den Autoren als „accelerated expansion“, also beschleunigte Ausbreitung, bezeichnet (Abb. 1).

Abbildung 1: Accelerated Expansion (schematische Darstellung)

Abbildung 1: Accelerated Expansion (schematische Darstellung) nach Kløverpris und Mueller

In Regionen, in denen sich die landwirtschaftlich genutzte Fläche gerade verringert, verzögert der Energiepflanzenanbau diesen Rückgang der Flächen. Die ungenutzte Fläche wandelt sich vermutlich wieder in natürliche Vegetation um und speichert somit wieder Kohlenstoff. Durch den iLUC-Effekt wird dies verzögert, da länger mehr Land benötigt wird. Somit bleiben auch mehr Treibhausgase für einen längeren Zeitraum in der Atmosphäre und können zur Erwärmung beitragen, was natürlich berücksichtigt werden muss. Den Effekt der verzögerten Rückwandlung in natürliche Vegetation nennen die Autoren sinngemäß „delayed reversion“.

Um die Eingangs erwähnten Schwächen der Annualization Method zu umgehen, schlagen Kløverpris und Mueller ihr Konzept „baseline time accounting“ vor. Hier geht man nicht mehr von einer bestimmten Produktionsperiode aus, sondern vergleicht den Erwärmungseffekt (kumulierter Strahlungsantrieb) des Energiepflanzenanbaus über 100 Jahre mit dem der Baseline über 100 Jahre*. Somit müssen keine Vorhersagen mehr über die Länge der Produktionsperiode gemacht werden.

Die zentrale Frage, die sich dem Baseline Time Accounting Konzept nach stellt ist: Welchen Treibhauseffekt würde der Anbau von Energiepflanzen über eine Periode von 100 Jahren haben im Vergleich zur Baseline, wo diese Energiepflanzen nicht angebaut werden. Der Gesamteffekt wird dann umgerechnet auf diejenige Menge an CO2, die den gleichen Effekt verursachen würde. Schließlich wird diese Menge an CO2 auf die jährlich produzierte Menge an Biomasse bzw. Energie bezogen, wodurch man die Emissionen in CO2eq/MJ bekommt.

Angewandt auf existierende Studien, hat sich durch Anwendung von Baseline Time Accounting der iLUC-Effekt um mehr als 50 % reduziert.

* Warum gerade 100 Jahre gewählt wurden, wird in der Studie ebenfalls erläutert.

„Baseline time accounting: Considering global land use dynamics when estimating the climate impact of indirect land use change caused by biofuels“ (Originalpublikation – kostenlos zugänglich)

biomassmagazine.com zum Thema (englisch)

Weitere Erläuterungen von Kløverpris zum Thema (englisch)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *